Kennt ihr das, daß ein Buch oder ein Film euch noch tagelang verfolgt? Passiert mir recht häufig (wie regelmäßige Leser dieses Blogs bemerkt haben dürften, hüstel). Es gibt auch rare Fälle, die mich so sehr mitnehmen, daß ich zunächst mal für nichts mehr zu gebrauchen bin. Zu großes Feintuning im Bereich Empathie – oder vielleicht überaktive Phantasie, wer vermag es zu sagen? Letzte Woche geschehen bei
No Easy Answers – The Truth behind Death at Columbine, dessen Lektüre ich tatsächlich nach dem ersten Teil unterbrechen musste, obwohl ich Bücher, die mir zusagen, normalerweise in einem Rutsch verschlinge.
Der etwas reißerische Titelzusatz lässt einen journalistischen Special Agent bei der Durchsicht geheimer Akten vermuten. Tatsächlich wurde der größte Teil von Brooks Brown geschrieben, einem engen Freund der beiden Täter, der aus dieser ungewöhnlichen Perspektive heraus ein sehr viel ehrlicheres Bild zeichnen kann als alle Analytiker und Ermittler. (Co-Autor Rob Merritt steuert Fakten des Amoklaufs und Aussagen von Familienangehörigen bei.)
Most of all, my story is one of growing up with a friend I thought I knew, then watching him become something I never imagined he could be, erläutert Brooks Brown seine Absicht und faßt damit schon sehr gut den Inhalt des ersten Teiles zusammen. Er versucht die Tat seiner Freunde nicht zu entschuldigen (immerhin verlor er andere Freunde durch den Amoklauf), verurteilt aber auch die leichten Antworten, mit denen sich Politiker und Presse zufriedenstellen lassen wollen, sowie die Charakterisierung der Täter als einzelgängerische Außenseiter. Die Wahrheit ist wesentlich komplexer. Und so schildert Brooks Brown drei Jahre nach der Tat in Rückblicken seine Zeit mit Dylan Klebold, mit dem er seit der ersten Klasse befreundet war, und später seine Freund-/Feindschaft mit Eric Harris – und all die Dinge, die gut- oder aber schiefgingen.
In mancher Hinsicht erinnerte mich der Bericht an Jodi Picoults Nineteen Minutes, und tatsächlich war die Schriftstellerin Vorableserin des Buches; ihr wisst schon, die namhaften Leute, deren Urteil über das Werk auf dem Cover desselben erscheint. Während allerdings Picoult aus ihren Tätern reine Sympathieträger macht, kann Brown, wie bereits gesagt, differenzieren. Und vielleicht empfindet der Leser deshalb umso mehr seine Fassungslosigkeit über Dylan mit, der im Grunde seiner Seele ein feiner Kerl gewesen zu sein scheint. (Während bei Eric Harris recht früh zu erkennen war, welche Art unerfreulicher Geist sich da inkarniert hatte.)
Im zweiten Teil berichtet Brooks Brown von den Auswirkungen, die der Amoklauf hatte - insbesondere auf ihn selbst, als er sich plötzlich auf der Verdächtigenliste der Polizei wiederfand und dem Misstrauen und den Anschuldigungen der Bewohner von Littleton ausgesetzt war. Viel Raum wird der Suche nach der Wahrheit gewidmet, die die Familien mehrerer Opfer betreiben; angesichts Unterschlagungen und Cliquenwirtschaft seitens Polizei und Lokalpolitiker ein Kampf gegen Windmühlenflügel.
Und von den Verehrern wird berichtet, auf die die Autoren im Netz immer wieder stoßen: Girls will write about how they are "in love" with Eric and Dylan. Some have gone so far as to write about wanting to "dig them up and make love to their headless corpses." (Zumindest Dylan Klebold wurde kremiert, also viel Glück, Mädels…) Und in der erweiterten Ausgabe von 2006: Eric and Dylan have continued to remain cult heroes to some. Shortly after a programmer used home RPG-maker software to build a video game called Super Columbine Massacre RPG, a visit to the discussion forum on his website (…) revealed just how many kids – kids whose ages were still in the single digits when Columbine happened – idolize the two killers. These kids constantly say things like, "Eric and Dylan struck a blow for bullied kids everywhere." They conveniently leave out the fact that Eric and Dylan didn’t kill bullies, but instead shot innocent kids (…). Some people will believe what they want to believe, no matter how much evidence you throw at them. If the legend sounds more interesting than reality, the legend often wins.
Ich empfehle viele Bücher. Es gibt wenige, von denen ich sagen würde, daß man sie unbedingt lesen sollte. Dies ist eines davon.
