Bücher

10
Apr
2008

"Erdenbann"-Rezension

Was man so alles wiederfindet beim Auf- und Ausräumen (Hervorhebungen stammen von der Autorin):

Sieg der Empfindung – Aufführung des Lustspiels „Erdenbann“ von Oskar Ernst Bernhardt

Am Spätnachmittag des 7. Septembers 2004 konnte auf der Bühne der Stadthalle Lindenberg das Lustspiel „Erdenbann“ in szenischer Lesung aufgeführt werden. Die Freude der acht Darsteller/Sprecher am gemeinsamen Tun für die Darbietung sprang wie ein Funke auf das Publikum über und ließ etwas von dem lebendig werden, was das Schauspiel selbst vermitteln will: vom „Erdenbann“ sich lösen und der Empfindung Raum geben. –
Die Uraufführung seines Lustspiels am 22. Mai 1925 am Stadttheater in Innsbruck hat Oskar Ernst Bernhardt – der mit seiner Familie damals in Tutzing am Starnberger See wohnte – selber geleitet. War ihm an diesem seinem Theaterstück besonders viel gelegen? Auch wenn es dafür keine überlieferte Bestätigung gibt, so könnte doch die auffallende Nähe des Schauspiels „Erdenbann“ zu bestimmten Grundaussagen der „Gralsbotschaft“ der Grund gewesen sein.
Die eigentliche Bühnen-Handlung wird von einem Vorspiel und einem Nachspiel umrahmt. Im Vorspiel fragt der „Mensch“ (Andreas Wünnenberg) fordernd nach dem Grund seiner Existenz: „Wozu bin ich geboren?“ Die Stimme der „Urgewalt“ (Helmut Stange) gibt ihm Antwort: Er wird das nur erfahren können, wenn er sich von der Fessel des Gehirns löst und die Wahrheit „mit den Sinnen seiner Seele“ sucht, dabei immer sich selber prüfend. Und die „Stimme der Urgewalt“ gibt dem Menschen noch einen Fingerzeig: „Sieh her!“ ruft die Stimme – und setzt damit auf der Bühne die turbulente Handlung des Lustspiels „Erdenbann“ in Gang. Den Fingerzeig-Charakter der Bühnenhandlung betont dann das „Nachspiel“ noch einmal, wenn die „Stimme der Urgewalt“ die Frage an den „Menschen“ richtet: “Hast Du erkannt, was ich Dir in dem Bilde zeigte?“

Hauptperson in diesem Bilde ist der junge Gelehrte Dr. Johannes Lippmann (Frank Lettenewitsch). Ganz gefangen im „Erdenbann“ seines Gehirns kann und will er nur glauben, was sich durch die Wissenschaft prüfen, kontrollieren, beweisen und erklären lässt. Daher steht er auch im Konflikt mit seinem Freund, dem gelehrten Okkultisten Erich Wolters (Martin Ernst) und gerät er (im 1. Akt) in eine heftige Auseinandersetzung mit dem indischen Yogi Ram-Lal (R. Gerhard Schulze). „Wie ein gereizter Tiger“, fast bösartig arrogant und gehässig vertritt er seine Ansichten. Dazu passen die heftigen Ausrufworte, mit denen er das 2. Gebot aufs ärgste verletzt. Absichtsvoll zeigt hier der Bühnenautor Oskar Ernst Bernhardt seinem Publikum das Bild jener Menschen, die an Gott nicht glauben (wollen) und doch – oder gerade deshalb? – gotteslästerliche Redewendungen im Übermaß gebrauchen. So auch Dr. Johannes Lippmann, und damit unterscheidet er sich auffallend von den anderen Personen der Schauspiel-Handlung. Zweifelsohne gehören diese Textelemente zur Pädagogik, zur Erziehungsabsicht des Lustspiels „Erdenbann“, sie sind ein Element des Fingerzeigs, der dem „Menschen“ aus dem Vorspiel zur Erkenntnis verhelfen will.

Und wenn die Handlung des Lustspiels insgesamt ein lehrreiches Bild abgibt, so gehört dazu auch ein kleines Geschöpf von symbolhafter Bedeutung, das in einer Szene des 1. Akts über die Bühne flattert: ein Schmetterling! So, wie er bis zu seinem freien Flug Verwandlungen seiner Daseinsformen durchlebt, so kann und soll „der Mensch“ sich innerlich verwandeln, sein Inneres von Stufe zu Stufe entfalten und sich zu geistigem Höhenflug aufschwingen. Dr. Lippmann fängt diesen Schmetterling und will ihn für seine Sammlung töten. Daran hindert ihn der Yogi Ram-Lal, der das Tierchen wieder in die Freiheit entlässt. Tatsächlich durchläuft der Mann der Wissenschaften eine (innere) Wandlung durch alle verdrehten und täuschenden Schritte der Lustspielhandlung hindurch, und auch die anderen an der Handlung beteiligten Personen erleben einen Wandel ihrer inneren Haltung: Die kleine Gesellschaft – das sind Lippmanns Freund Wolters, die beiden Cousinen Viola Ebers (Klara Führen-Miller) und Lilli Braun (Elke Lettenewitsch) sowie Herr Bär (Uwe Pankarz), ihr Onkel – hat einen abenteuerlichen Plan ausgeheckt, um Lippmann zu beweisen, dass sein Verstand, entgegen seiner festen Überzeugung, getäuscht werden kann. Doch je weiter der Plan ausgespielt wird, um so betroffener erkennen diese Menschen, dass ihr Plan zu weit geht und sie damit schuldig werden. Und im „Bild“ des Spiels zeigt sich, wie geistige Führung den Weg über die Empfindung einzelner nimmt, deren Herzen sich dafür öffnen, um Hilfe zu vermitteln: Aus der betroffenen Einsicht der Beteiligten – besonders von Viola, die sich in Lippmann verliebt hat – geht der Entschluß hervor, mit allen Kräften das falsch Eingefädelte doch noch zum Guten zu wenden. Das ist die Voraussetzung für das schließlich Happyend, mit dem die Empfindung auf der ganzen Linie siegt! Dr. Lippmann erkennt, dass sein Verstand tatsächlich getäuscht werden kann – nicht jedoch seine Empfindung: Denn die Liebe hat Einzug in das Herz des Gelehrten und einstigen Frauenfeindes gehalten. Nicht anders ergeht es seinem Freund Erich Wolters, dem gelehrten Okkultisten, und so endet die Bühnenhandlung mit einem Segen, den der Yogi Ram-Lal über zwei glückliche Paare spricht…
Darüber freuen sich auch der treue Diener Robert (Andreas Wünnenberg) der Familie Bär, deren Nachbar Dr. Luck (Heinz-Helmut Federsel) sowie die „Erzählerin“ (Christa Stange-Pohl), der es oblag, bei der szenischen Lesung dem Publikum ein paar notwendige Verständnishilfen zum Handlungsablauf zu geben.

Daß Oskar Ernst Bernhardt als Bühnenautor die Fäden der Handlung, die Linien seines „Bildes“, bewusst, konsequent und sicher zu führen wusste, wird am Beispiel der schmetterlingsgleichen Verwandlung und Entfaltung des „Menschen“ Johannes Lippmann besonders deutlich: Gotteslästerliche Ausrufe, die im 1. Akt seine innere Verfassung unmissverständlich zu erkennen gaben, hört man von ihm zum Ende des Lustspiels kein einziges Mal – er hat den Erdenbann, die „Fessel seines Gehirns“ gelöst!
Um noch das Thema „Hypnose“ zu berühren, die – anscheinend – im Lustspiel eingesetzt wird: Auf die besondere Bannkraft des Yogi Ram-Lal wendet einzig der Gelehrte Dr. Lippmann den Begriff „Hypnose“ an – als ein Phänomen, das der Naturwissenschaft sehr wohl bekannt sei und dem er nur seinen „festen Willen“ entgegenzusetzen brauche, um nicht zu unterliegen. Dem setzt der Yogi entgegen: Sein fester Wille werde dem Gelehrten gar nichts helfen! Denn der Wille hängt vom Wissen ab, und Lippmann verfüge lediglich über ein künstlich vom Verstand erzeugtes Wissen, das nur „ein Schatten“ sei gegenüber echtem Wissen. Daher müsse sein Wille – und sei er noch so fest – der „Naturgewalt“ aus der Empfindungskraft des Yogi unterliegen. Diese Empfindungskraft, mit welcher der Yogi beispielsweise den Naturwissenschaftler einschlafen lassen kann, versteht er als etwas durchaus anderes als das, was die Wissenschaft „Hypnose“ nennt.
Alles in allem: „Erdenbann“ steht – mit Worten der Innsbrucker Volkszeitung zur Uraufführung von 1925 – „turmhoch über den uns sonst vorgesetzten Lustspielen“. Und dass Oskar Ernst Bernhardt sich der Uraufführung seines Werks persönlich annahm, spricht für dessen Bedeutung als eindrucksvolles (Lebens-)Bild zu einem Grundanliegen der Gralsbotschaft: vom Erdenbann des Verstandes sich zu lösen zur Erkenntnis der Empfindung.

(Monika Schulze)

9
Apr
2008

"Eigentlich ist das Wichtigste auf der Erde, Erfahrungen zu sammeln."

Ich hätte nie gedacht, dass ich die Bücher von Ruth Maria Kubitschek mögen würde. Zumindest ihre Erlebnisberichte; mit ihren Romanen konnte ich nicht warmwerden. Dabei wurden mir die Sachen ursprünglich nur von meiner Mutter aufgedrückt, damit ich sie bei eBay verscherbele. So spielt das Leben! In ihrem Bestseller Im Garten der Aphrodite beschreibt die Schauspielerin, Autorin und Malerin auf amüsante Weise, wie sie versucht, aus einem heruntergekommenen Hanggrundstück einen Garten der Götter und Naturwesen zu machen – was sich nicht so einfach gestaltet. Aber nach und nach kommen sichtbar die Hilfen, und heute ist ihr „Garten der Aphrodite“ ein Traum von einer Anlage (Bilder gibt’s auf ihrer Homepage).
Klar: Viele Leser werden ihre Erlebnisse als Spinnerei oder esoterisches Gewäsch abtun. Andererseits werden andere Leser über diese Leser den Kopf schütteln und sich fragen, wie man so blind sein kann. Ich jedenfalls freue mich auf Frau Kubitscheks angekündigtes neues Buch.

Erdenbann, von Oskar Ernst Bernhardt

Nach langer Suche habe ich endlich eine Ausgabe des “Lustspiels in vier Aufzügen” in der SLUB Dresden entdeckt (Fehler in der Aufnahme: “Erdenbahn”, beim Suchen beachten); die Deutsche Nationalbibliothek, die eigentlich alles erschienene Schriftgut archivieren muß, hat ihr Exemplar lapidar als im Krieg zerstört abgeschrieben. Was ein ganz neues Bild auf meinen Berufsstand wirft, wie ich finde – wir müssen schon allein deswegen gegen Krieg sein, weil wertvolle Dokumente unwiederbringlich verloren gehen können.

Johannes Lippmann ist das klassischste und zugleich negativste Beispiel eines Naturwissenschaftlers, das man sich denken kann: Was die fünf Sinne, Mikroskop und Lehrbuch nicht beweisen, gibt es nicht. Sein Kollege/Konkurrent, der aufgeschlossenere Erich Wolters, und der Teeplantagenbesitzer Otto Bär beschließen, ihn mit Hilfe des indischen Yogi Ram-Lal eines besseren zu belehren. Unvermittelt findet sich Lippmann als Verwalter der Bärschen Plantage und Verlobter von Bärs Nichte Viola wieder – sein bisheriges Leben, an das er sich zu erinnern glaubt, so versichert ihm jeder glaubhaft, sei nur ein Fiebertraum gewesen…
Wie es sich für ein Lustspiel gehört, gibt es eine Menge komischer Situationen, Verwechslungen und natürlich Liebe mit Happy End. Anklänge an die späteren Schriften des Autors finden sich hauptsächlich in der Figur des Ram-Lal, und damit, so könnte man denken, wäre das genug Stoff für einen schönen Abend.
Weit gefehlt. Denn was den Vierakter von anderen, ähnlichen Werken abhebt, ist das beeindruckende Vor- und Nachspiel, das inhaltlich mit der Haupthandlung nichts zu tun hat, sie aber in einen viel größeren Zusammenhang rückt.

Vorspiel

(Zerklüftete Felsenlandschaft in Indien. Vormittag. Bühne ist bei Aufgang des Vorhanges vollständig dunkel.)

Mensch (kraftvolle Gestalt mit langem, schwarzem Barte, altgriechische Tracht. Flehend): Licht! Licht!

(Schweigen.)

Mensch: Urquell des Seins, ich rufe Dich! Die Menschheit drängt nach Licht auf Erden!
(Schweigen.)

Mensch (dringender): Hüll Dich in Schweigen und in Nacht, ich wanke nicht! Geheimnisvolle Allgewalt, hör’ meinen Ruf!
(Leicht rollender Donner.)

Mensch: Du kannst mich nicht vergebens rufen lassen, der Du die Schöpfung selbst andauernder Entwicklung unterwirfst. Du legtest in mich Drang nach Wissen, (gesteigert) das ist Verheißung, die Erfüllung prophezeit. Du wolltest, daß ich vorwärts schreite! Hör’ meinen Ruf!

(Zuckendes Aufleuchten Mitte Hintergrund, dann wieder Dunkelheit.)

Stimme der Urgewalt (tief, rollend): Was bist Du, daß Du Dich erkühnst zu fordern?

Mensch: Dein Werk, der Mensch! Machtvoller Geist, der Du mit unsichtbarem Weben im Weltall schwebst, warum läßt Du uns so im Dunkel wallen?

Urgewalt: Was nennst Du Geist?

Mensch: Die Urgewalt, die mich erzeugte. Die mit geheimnisvoller Kraft andauernd neuen Wechsel fördert, die uns durchströmt mit zwingendem Begehren, uns vorwärts treibt auf unbekannter Bahn, und der wir alle blindlings folgen müssen. Ich flehe, weis’ mich nicht zurück!

(Starkes, zuckendes Aufleuchten, dann intensiver, ruhiger, blauweißer Glanz, der von der Mitte Hintergrund hinter einem Felsen ausstrahlt.)

Urgewalt (als Stimme mitten aus dem Licht heraus): Was ist es, das Dich ruhelos auf Deiner Erde macht?

Mensch: Das Nichterfassen eines Grundes meiner Existenz. Laß mich den Zweck des Daseins wissen, das Ziel, zu dem mein Wirken führt. Sag an, wozu bin ich geboren?

Urgewalt: Den Schleier, der Dir dies verhüllt, hast Du Dir selbst gewoben. Zerreiße ihn, und es wird lichter um Dich sein!

Mensch: Dazu mußt Du mich von der Fessel des Gehirnes lösen, das mir unmöglich macht, anderes zu erfassen als nur das, was sich in Raum und Zeit einteilt. Der Bann läßt mich im Dunkel bleiben, macht mich schwach!

Urgewalt: Ist Dir bewußt, was Du damit erstrebst?

Mensch: Wenn ich die Fessel des Gehirnes löse, werde ich der Wahrheit gegenüber stehen!

Urgewalt: Was Du mit Sinnen Deiner Seele faßt, ist immer Wahrheit, wenn es nicht zum Zerrbild wurde durch Dein Wissen. Wie Du jetzt bist, ist Dir gegeben, in Augenblicken unbewußt die Wahrheit zu empfinden.

Mensch: In Augenblicken nur und unbewußt. Ich will es stets und voll bewußt!
Urgewalt: Dann stell die Arbeit Deines Hirns nach dem Verlangen Deiner Seele ein! Was Du erschaust, sind immer nur die Früchte Deines Wollens! Hör deshalb auf den Ruf in Dir, und Du wirst frei!

(Bühne wird wieder langsam dunkel.)

Mensch (geht impulsiv linke Seite, dringend rufend): Stoße mich nicht zurück in diese grauenvolle Dunkelheit! Gib mir nur einen Fingerzeig, daß ich mich daran aufwärts schwinge!

Urgewalt (Bühne ist ganz dunkel): Prüfe Dich selbst! Damit schaffst Du Dir freie Bahn. Schau her! Es werde Licht!

(Zuckendes Aufleuchten, wobei der Mensch nochmals mit erhobenen Armen sichtbar wird. Anhaltender Donner, während dessen der Mensch dem Zuschauer unsichtbar abgeht. Dann wird die Bühne langsam vollständig hell.)
Vorhang fällt nicht.

Auch wenn das Schauspiel nun schon rund neunzig Jahre alt sein dürfte, könnte es mit etwas Bearbeitung problemlos in die Neuzeit versetzt werden – oder eben als Historienstück aufgeführt werden. (In letzterem Fall würde ich persönlich die Rahmenhandlung in der Gegenwart stattfinden lassen.) Es wäre schön, wenn sich eine Theatergruppe berufen fühlte, dieses Werk wieder einmal auf die Bühne zu bringen…

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