Märchenstunde 2

August der Starke kehrt aus seinem Feldzug gegen die Türken zurück und belehnt den kroatischen Reiterobristen Johannes Schadowitz für seine Verdienste mit dem Gut Groß Särchen bei Hoyerswerda. Der südländisch wirkende, hochgewachsene Obrist ist weitgereist und bringt unter anderem das Wissen, dem Meer Land abzutrotzen, das die Holländer besitzen, mit in die sächsische Provinz. Er nutzt es dazu, die umliegenden Sümpfe trockenzulegen. Für die dankbare Bevölkerung grenzt diese Technik an Zauberei. Auch sonst entpuppt sich der streng katholische Gutsherr, der jeden Tag nach Wittichenau zur Messe fährt, als Wohltäter der Gemeinde. Am 29. Mai 1704 stirbt er schließlich im stolzen Alter von achtzig Jahren. Die Geschichten und Legenden um den gütigen, mit Zauberkräften ausgestatteten Fremden wachsen und gedeihen nach seinem Tod munter weiter.
Heutzutage kennen die wenigsten Johannes Schadowitz, aber unter seinem mundartlich verballhornten Namen Krabat (von "Chorwat" - sorbisch - oder "Krawat", also "Kroat") ist er in die Überlieferung eingegangen.
Mit der früher tatsächlich existierenden Mühle von Schwarzkollm hat der gute Obrist nie etwas zu tun gehabt. Hier wurden ähnlich wie beim Rattenfänger von Hameln zwei historische Begebenheiten in der Sage miteinander verwoben.
Mühlen haben seit jeher eine große Rolle in völkischen Legenden gespielt. Sie lagen stets ein wenig außerhalb der Siedlungen und erforderten ein nicht geringes Maß an technischem Wissen, so daß die breite Bevölkerung nicht viel von den Vorgängen auf einer Mühle mitbekam oder auch nur ein Verständnis dafür entwickelte. Insbesondere Windmühlen mußten für ihren Betrieb günstige Wetterlagen ausnutzen und liefen mitunter auch nachts, wenn das Tagewerk der frommen Bürger längst verrichtet war. Durch ihre Arbeit waren Windmüller zwangsläufig sehr erfahren in der Wettervorhersage. All dies brachte sie schnell in Verruf; Hexenmeister waren sie, oder der Teufel höchstselbst betrieb ihre Mahlwerke. Was lag also näher, als den guten Zauberer Krabat und den bösen Teufelsmüller als Erzfeinde zu etablieren?
Am Rande bemerkt: Die weitverbreitete Legende vom betrügerischen Müller beruht auf der Tatsache, daß Mehl bei gleichem Gewicht ein geringeres Volumen hat als Getreide. Der Bauer lieferte also x Säcke voll Weizen an und bekam eine geringere Anzahl zurück. Somit war man natürlich schnell mit der Behauptung bei der Hand, der Müller hätte mehr als seinen ihm zustehenden Anteil abgezweigt...




