"Erdenbann"-Rezension

Was man so alles wiederfindet beim Auf- und Ausräumen (Hervorhebungen stammen von der Autorin):

Sieg der Empfindung – Aufführung des Lustspiels „Erdenbann“ von Oskar Ernst Bernhardt

Am Spätnachmittag des 7. Septembers 2004 konnte auf der Bühne der Stadthalle Lindenberg das Lustspiel „Erdenbann“ in szenischer Lesung aufgeführt werden. Die Freude der acht Darsteller/Sprecher am gemeinsamen Tun für die Darbietung sprang wie ein Funke auf das Publikum über und ließ etwas von dem lebendig werden, was das Schauspiel selbst vermitteln will: vom „Erdenbann“ sich lösen und der Empfindung Raum geben. –
Die Uraufführung seines Lustspiels am 22. Mai 1925 am Stadttheater in Innsbruck hat Oskar Ernst Bernhardt – der mit seiner Familie damals in Tutzing am Starnberger See wohnte – selber geleitet. War ihm an diesem seinem Theaterstück besonders viel gelegen? Auch wenn es dafür keine überlieferte Bestätigung gibt, so könnte doch die auffallende Nähe des Schauspiels „Erdenbann“ zu bestimmten Grundaussagen der „Gralsbotschaft“ der Grund gewesen sein.
Die eigentliche Bühnen-Handlung wird von einem Vorspiel und einem Nachspiel umrahmt. Im Vorspiel fragt der „Mensch“ (Andreas Wünnenberg) fordernd nach dem Grund seiner Existenz: „Wozu bin ich geboren?“ Die Stimme der „Urgewalt“ (Helmut Stange) gibt ihm Antwort: Er wird das nur erfahren können, wenn er sich von der Fessel des Gehirns löst und die Wahrheit „mit den Sinnen seiner Seele“ sucht, dabei immer sich selber prüfend. Und die „Stimme der Urgewalt“ gibt dem Menschen noch einen Fingerzeig: „Sieh her!“ ruft die Stimme – und setzt damit auf der Bühne die turbulente Handlung des Lustspiels „Erdenbann“ in Gang. Den Fingerzeig-Charakter der Bühnenhandlung betont dann das „Nachspiel“ noch einmal, wenn die „Stimme der Urgewalt“ die Frage an den „Menschen“ richtet: “Hast Du erkannt, was ich Dir in dem Bilde zeigte?“

Hauptperson in diesem Bilde ist der junge Gelehrte Dr. Johannes Lippmann (Frank Lettenewitsch). Ganz gefangen im „Erdenbann“ seines Gehirns kann und will er nur glauben, was sich durch die Wissenschaft prüfen, kontrollieren, beweisen und erklären lässt. Daher steht er auch im Konflikt mit seinem Freund, dem gelehrten Okkultisten Erich Wolters (Martin Ernst) und gerät er (im 1. Akt) in eine heftige Auseinandersetzung mit dem indischen Yogi Ram-Lal (R. Gerhard Schulze). „Wie ein gereizter Tiger“, fast bösartig arrogant und gehässig vertritt er seine Ansichten. Dazu passen die heftigen Ausrufworte, mit denen er das 2. Gebot aufs ärgste verletzt. Absichtsvoll zeigt hier der Bühnenautor Oskar Ernst Bernhardt seinem Publikum das Bild jener Menschen, die an Gott nicht glauben (wollen) und doch – oder gerade deshalb? – gotteslästerliche Redewendungen im Übermaß gebrauchen. So auch Dr. Johannes Lippmann, und damit unterscheidet er sich auffallend von den anderen Personen der Schauspiel-Handlung. Zweifelsohne gehören diese Textelemente zur Pädagogik, zur Erziehungsabsicht des Lustspiels „Erdenbann“, sie sind ein Element des Fingerzeigs, der dem „Menschen“ aus dem Vorspiel zur Erkenntnis verhelfen will.

Und wenn die Handlung des Lustspiels insgesamt ein lehrreiches Bild abgibt, so gehört dazu auch ein kleines Geschöpf von symbolhafter Bedeutung, das in einer Szene des 1. Akts über die Bühne flattert: ein Schmetterling! So, wie er bis zu seinem freien Flug Verwandlungen seiner Daseinsformen durchlebt, so kann und soll „der Mensch“ sich innerlich verwandeln, sein Inneres von Stufe zu Stufe entfalten und sich zu geistigem Höhenflug aufschwingen. Dr. Lippmann fängt diesen Schmetterling und will ihn für seine Sammlung töten. Daran hindert ihn der Yogi Ram-Lal, der das Tierchen wieder in die Freiheit entlässt. Tatsächlich durchläuft der Mann der Wissenschaften eine (innere) Wandlung durch alle verdrehten und täuschenden Schritte der Lustspielhandlung hindurch, und auch die anderen an der Handlung beteiligten Personen erleben einen Wandel ihrer inneren Haltung: Die kleine Gesellschaft – das sind Lippmanns Freund Wolters, die beiden Cousinen Viola Ebers (Klara Führen-Miller) und Lilli Braun (Elke Lettenewitsch) sowie Herr Bär (Uwe Pankarz), ihr Onkel – hat einen abenteuerlichen Plan ausgeheckt, um Lippmann zu beweisen, dass sein Verstand, entgegen seiner festen Überzeugung, getäuscht werden kann. Doch je weiter der Plan ausgespielt wird, um so betroffener erkennen diese Menschen, dass ihr Plan zu weit geht und sie damit schuldig werden. Und im „Bild“ des Spiels zeigt sich, wie geistige Führung den Weg über die Empfindung einzelner nimmt, deren Herzen sich dafür öffnen, um Hilfe zu vermitteln: Aus der betroffenen Einsicht der Beteiligten – besonders von Viola, die sich in Lippmann verliebt hat – geht der Entschluß hervor, mit allen Kräften das falsch Eingefädelte doch noch zum Guten zu wenden. Das ist die Voraussetzung für das schließlich Happyend, mit dem die Empfindung auf der ganzen Linie siegt! Dr. Lippmann erkennt, dass sein Verstand tatsächlich getäuscht werden kann – nicht jedoch seine Empfindung: Denn die Liebe hat Einzug in das Herz des Gelehrten und einstigen Frauenfeindes gehalten. Nicht anders ergeht es seinem Freund Erich Wolters, dem gelehrten Okkultisten, und so endet die Bühnenhandlung mit einem Segen, den der Yogi Ram-Lal über zwei glückliche Paare spricht…
Darüber freuen sich auch der treue Diener Robert (Andreas Wünnenberg) der Familie Bär, deren Nachbar Dr. Luck (Heinz-Helmut Federsel) sowie die „Erzählerin“ (Christa Stange-Pohl), der es oblag, bei der szenischen Lesung dem Publikum ein paar notwendige Verständnishilfen zum Handlungsablauf zu geben.

Daß Oskar Ernst Bernhardt als Bühnenautor die Fäden der Handlung, die Linien seines „Bildes“, bewusst, konsequent und sicher zu führen wusste, wird am Beispiel der schmetterlingsgleichen Verwandlung und Entfaltung des „Menschen“ Johannes Lippmann besonders deutlich: Gotteslästerliche Ausrufe, die im 1. Akt seine innere Verfassung unmissverständlich zu erkennen gaben, hört man von ihm zum Ende des Lustspiels kein einziges Mal – er hat den Erdenbann, die „Fessel seines Gehirns“ gelöst!
Um noch das Thema „Hypnose“ zu berühren, die – anscheinend – im Lustspiel eingesetzt wird: Auf die besondere Bannkraft des Yogi Ram-Lal wendet einzig der Gelehrte Dr. Lippmann den Begriff „Hypnose“ an – als ein Phänomen, das der Naturwissenschaft sehr wohl bekannt sei und dem er nur seinen „festen Willen“ entgegenzusetzen brauche, um nicht zu unterliegen. Dem setzt der Yogi entgegen: Sein fester Wille werde dem Gelehrten gar nichts helfen! Denn der Wille hängt vom Wissen ab, und Lippmann verfüge lediglich über ein künstlich vom Verstand erzeugtes Wissen, das nur „ein Schatten“ sei gegenüber echtem Wissen. Daher müsse sein Wille – und sei er noch so fest – der „Naturgewalt“ aus der Empfindungskraft des Yogi unterliegen. Diese Empfindungskraft, mit welcher der Yogi beispielsweise den Naturwissenschaftler einschlafen lassen kann, versteht er als etwas durchaus anderes als das, was die Wissenschaft „Hypnose“ nennt.
Alles in allem: „Erdenbann“ steht – mit Worten der Innsbrucker Volkszeitung zur Uraufführung von 1925 – „turmhoch über den uns sonst vorgesetzten Lustspielen“. Und dass Oskar Ernst Bernhardt sich der Uraufführung seines Werks persönlich annahm, spricht für dessen Bedeutung als eindrucksvolles (Lebens-)Bild zu einem Grundanliegen der Gralsbotschaft: vom Erdenbann des Verstandes sich zu lösen zur Erkenntnis der Empfindung.

(Monika Schulze)

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