9
Apr
2008

Erdenbann, von Oskar Ernst Bernhardt

Nach langer Suche habe ich endlich eine Ausgabe des “Lustspiels in vier Aufzügen” in der SLUB Dresden entdeckt (Fehler in der Aufnahme: “Erdenbahn”, beim Suchen beachten); die Deutsche Nationalbibliothek, die eigentlich alles erschienene Schriftgut archivieren muß, hat ihr Exemplar lapidar als im Krieg zerstört abgeschrieben. Was ein ganz neues Bild auf meinen Berufsstand wirft, wie ich finde – wir müssen schon allein deswegen gegen Krieg sein, weil wertvolle Dokumente unwiederbringlich verloren gehen können.

Johannes Lippmann ist das klassischste und zugleich negativste Beispiel eines Naturwissenschaftlers, das man sich denken kann: Was die fünf Sinne, Mikroskop und Lehrbuch nicht beweisen, gibt es nicht. Sein Kollege/Konkurrent, der aufgeschlossenere Erich Wolters, und der Teeplantagenbesitzer Otto Bär beschließen, ihn mit Hilfe des indischen Yogi Ram-Lal eines besseren zu belehren. Unvermittelt findet sich Lippmann als Verwalter der Bärschen Plantage und Verlobter von Bärs Nichte Viola wieder – sein bisheriges Leben, an das er sich zu erinnern glaubt, so versichert ihm jeder glaubhaft, sei nur ein Fiebertraum gewesen…
Wie es sich für ein Lustspiel gehört, gibt es eine Menge komischer Situationen, Verwechslungen und natürlich Liebe mit Happy End. Anklänge an die späteren Schriften des Autors finden sich hauptsächlich in der Figur des Ram-Lal, und damit, so könnte man denken, wäre das genug Stoff für einen schönen Abend.
Weit gefehlt. Denn was den Vierakter von anderen, ähnlichen Werken abhebt, ist das beeindruckende Vor- und Nachspiel, das inhaltlich mit der Haupthandlung nichts zu tun hat, sie aber in einen viel größeren Zusammenhang rückt.

Vorspiel

(Zerklüftete Felsenlandschaft in Indien. Vormittag. Bühne ist bei Aufgang des Vorhanges vollständig dunkel.)

Mensch (kraftvolle Gestalt mit langem, schwarzem Barte, altgriechische Tracht. Flehend): Licht! Licht!

(Schweigen.)

Mensch: Urquell des Seins, ich rufe Dich! Die Menschheit drängt nach Licht auf Erden!
(Schweigen.)

Mensch (dringender): Hüll Dich in Schweigen und in Nacht, ich wanke nicht! Geheimnisvolle Allgewalt, hör’ meinen Ruf!
(Leicht rollender Donner.)

Mensch: Du kannst mich nicht vergebens rufen lassen, der Du die Schöpfung selbst andauernder Entwicklung unterwirfst. Du legtest in mich Drang nach Wissen, (gesteigert) das ist Verheißung, die Erfüllung prophezeit. Du wolltest, daß ich vorwärts schreite! Hör’ meinen Ruf!

(Zuckendes Aufleuchten Mitte Hintergrund, dann wieder Dunkelheit.)

Stimme der Urgewalt (tief, rollend): Was bist Du, daß Du Dich erkühnst zu fordern?

Mensch: Dein Werk, der Mensch! Machtvoller Geist, der Du mit unsichtbarem Weben im Weltall schwebst, warum läßt Du uns so im Dunkel wallen?

Urgewalt: Was nennst Du Geist?

Mensch: Die Urgewalt, die mich erzeugte. Die mit geheimnisvoller Kraft andauernd neuen Wechsel fördert, die uns durchströmt mit zwingendem Begehren, uns vorwärts treibt auf unbekannter Bahn, und der wir alle blindlings folgen müssen. Ich flehe, weis’ mich nicht zurück!

(Starkes, zuckendes Aufleuchten, dann intensiver, ruhiger, blauweißer Glanz, der von der Mitte Hintergrund hinter einem Felsen ausstrahlt.)

Urgewalt (als Stimme mitten aus dem Licht heraus): Was ist es, das Dich ruhelos auf Deiner Erde macht?

Mensch: Das Nichterfassen eines Grundes meiner Existenz. Laß mich den Zweck des Daseins wissen, das Ziel, zu dem mein Wirken führt. Sag an, wozu bin ich geboren?

Urgewalt: Den Schleier, der Dir dies verhüllt, hast Du Dir selbst gewoben. Zerreiße ihn, und es wird lichter um Dich sein!

Mensch: Dazu mußt Du mich von der Fessel des Gehirnes lösen, das mir unmöglich macht, anderes zu erfassen als nur das, was sich in Raum und Zeit einteilt. Der Bann läßt mich im Dunkel bleiben, macht mich schwach!

Urgewalt: Ist Dir bewußt, was Du damit erstrebst?

Mensch: Wenn ich die Fessel des Gehirnes löse, werde ich der Wahrheit gegenüber stehen!

Urgewalt: Was Du mit Sinnen Deiner Seele faßt, ist immer Wahrheit, wenn es nicht zum Zerrbild wurde durch Dein Wissen. Wie Du jetzt bist, ist Dir gegeben, in Augenblicken unbewußt die Wahrheit zu empfinden.

Mensch: In Augenblicken nur und unbewußt. Ich will es stets und voll bewußt!
Urgewalt: Dann stell die Arbeit Deines Hirns nach dem Verlangen Deiner Seele ein! Was Du erschaust, sind immer nur die Früchte Deines Wollens! Hör deshalb auf den Ruf in Dir, und Du wirst frei!

(Bühne wird wieder langsam dunkel.)

Mensch (geht impulsiv linke Seite, dringend rufend): Stoße mich nicht zurück in diese grauenvolle Dunkelheit! Gib mir nur einen Fingerzeig, daß ich mich daran aufwärts schwinge!

Urgewalt (Bühne ist ganz dunkel): Prüfe Dich selbst! Damit schaffst Du Dir freie Bahn. Schau her! Es werde Licht!

(Zuckendes Aufleuchten, wobei der Mensch nochmals mit erhobenen Armen sichtbar wird. Anhaltender Donner, während dessen der Mensch dem Zuschauer unsichtbar abgeht. Dann wird die Bühne langsam vollständig hell.)
Vorhang fällt nicht.

Auch wenn das Schauspiel nun schon rund neunzig Jahre alt sein dürfte, könnte es mit etwas Bearbeitung problemlos in die Neuzeit versetzt werden – oder eben als Historienstück aufgeführt werden. (In letzterem Fall würde ich persönlich die Rahmenhandlung in der Gegenwart stattfinden lassen.) Es wäre schön, wenn sich eine Theatergruppe berufen fühlte, dieses Werk wieder einmal auf die Bühne zu bringen…

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